Zwei Menschen, zwei Häuser.

July 12th, 2018

Sie hatten sich an der Wurzel getroffen. Es brummte und summte so schön im Gras. Im Herbst roch es nach Pilzen und im Sommer lagen sie unterm Rauschen der Bäume. Endlose Tage.

Schließlich verließ sie ihn für die Stadt mit ihrem Labyrinth aus Mauern, Menschengesetzen und Wunderräumen. Ihr begegneten Liebe und Gewalt, manchmal versperrten ihr die vielen Wegweiser den Weg. Selten besuchte sie ihn noch im Wald.

Sein Haus veränderte sich mit jedem Jahr. Nach und nach hatte er Moos und Geäst durch Ziegel und Steine ersetzt. Fragte, wo er Zaunlatten kaufen könne. So schön hohe, die Sonne blende ihn nämlich so schrecklich. Er zäunte alle Weite ein und genoss die Stille.

Sie hatte inzwischen alle Räume der Stadt angeschaut und wählte das Haus, das den Himmel berührte und in dem sich nachts der Wind ausruhte. Hier standen alle Türen offen und nicht selten besuchten sie Amsel, Taubi und alle anderen Flugtiere. Sie fühlte sich angekommen.

Als sie ihn wieder einmal besuchte, grub er sich grad fröhlich ins Erdreich und lobte die dunkle Feuchte, die ihn nun umgab. Mit leuchtenden Augen beschrieb er die beklemmende Enge und Kälte seines Kellers: er halte sich überhaupt nur noch hier auf, das Gezeter und Chaos oben reibe ihn nur auf. Er hatte sich vielerlei Utensilien zugelegt, um Insekten und Leben fernzuhalten. Sie erschrak, als er Asseln und Schlangen direkt vor ihren Augen totschlug. Er hatte ein Regal in die triefende Erde gebaut, wo er Gift, Fallen, kleine Speere, Stacheldraht und Unmengen dieses seltsamen Tranks hortete, der seinen Körper zersetzte.

Anfangs fragte sie noch: vermisst du nicht die Sonne? Das Vogelgezwitscher? Die anderen? Die lustigen Sachen? Die Wunder, die oben passieren? Sein erschütterndes „Nein, verdammt!“ traf sie tief. Die roten Tropfen, die danach häufig von ihrer Lippe fielen, sah man auf dem dunklen Erdboden nicht.

Betrübt kehrte sie heim. Ging in ihren Garten und pflegte die zarte Wurzel. Sie legte Moos aus und schaffte allerlei Geäst und Steinchen herbei für die Insekten. Sie schlief unter blankem Himmel und wünschte, viele Vögel möchten in der Nähe brüten.

Fertilität 5000.

June 18th, 2018


Erntges grünste Bananenpflanze der Welt ist die Schönste, weil sie seit 6 Jahren über sich hinaus wächst, allerseits Frohsinn verbreitet und im Sommer so schön Schatten spendet. Wir lieben sie.

Erst passierte das Fast-Unfassbarste: Banani reproduzierte sich selbst und inzwischen gedeiht auch die zweite Ablegerin prächtig. Und nun geschieht aber das wirklich Aller-Unfassbarste: Banani hat eine unglaublich rot-violette Blüte rausgeschoben und die ersten vier Miniaturbananen leuchten zitronengelb durchs Butzi! Uaaaah!!

Bittersüßes Sein! Dieses Wunder des Lebens vollzieht sich nämlich genau im Lebensabend vom geschätzen Pflänzelein: nach Blütenpracht und Fruchtstand wird sich Banani leider zum Sterben zusammenrollen und abdanken. Wir schauen ihr gespannt dabei zu und machen uns klar das endlose Spiel vom Werden und Vergehen.

Abschlussrede, feierlich.

June 9th, 2018


Und jetzt macht dass ihr weg kommt. Haut endlich ab. Schmeißt eure Salamis an Muttis Fotowände, reihert ihren Teppich voll, zündet den von mir aus an. Mir egal jetzt mit den Hausschuhen. Ich hab hier lange genug Kontrolletti gespielt, eure dumpfe Überheblichkeit kotzt mich nur noch an. Ich möchte nicht mehr für euren Stumpfsinn geradestehen. Für eure Weigerung, weit oder überhaupt zu denken. Macht das selber, ihr seid alt genug.

Und das ist leider auch kein Punk, was ihr da macht, das ist… keine Ahnung, mir fällt dazu nichts ein. Außer vielleicht feige, formlos, muffig, lahm. Mein Problem ist, dass ihr euch für die Größten haltet und euch so irre ausruht im Schutz der Wand, die ihr als Gemeinschaft bildet und die alles abhält was hinterfragt, kritisiert oder hinweist. Einzeln seid ihr leider so arme Würstchen, ganz verunsichert, ängstlich und unselbständig.

Und dass man euch nicht böse sein darf, das ist fast das Schlimmste: „Die armen, armen Opferlein, was sie alles durchmachen müssen: Pubertieren, sich selbst finden, eine eigene Meinung ausbilden, – und immer unter diesem Druck der sozialen Netzwerke, komm gib ihnen noch eine Chance.” Na klar.

Und noch eine. Und noch eine. Und wieder eine, es wird fast lächerlich. Sechs Jahre lang habe ich versucht euch zu verstehen, anzuregen und zu schützen. Hab euch (hochgradig unprofessionell, ich weiß) mit nach Hause genommen, zahllose Nächte verpasst. Verziehen hab ich euch und ertragen. Und dafür seid ihr mir nichts schuldig, das war meine Entscheidung. Dass ich mir einbildete, mein Handeln könnte etwas bewegen, ist mein Problem, nicht eures. Nur dass es jetzt zum Schluss noch mal so einen Arschtritt von euch gibt, das tut mir weh. Deshalb geb ich euch jetzt auf. Tschüß.

Mich habt ihr genug provoziert, herausgefordert und beschämt. Ich scheiß auf eure scheiß Afd-Plakate, ich scheiß auf eure scheiß Strafanzeigen, ich scheiß auf eure scheiß Beleidigungen. Mein einzig positiver Gedanke an eure Zukunft ist, dass sie hoffentlich nichts mit mir zu tun haben wird. Ich trau euch nichts zu. Ihr habt mich maßlos enttäuscht, haut ab.

Zen im Taubenschlag.

May 21st, 2018


Das Sofa steht jetzt woanders. Hier gibt es keine Türen. Vorm großen Fenster plustert sich diese Friedenstaube in die Dachrinne und schaut uns zu.

Auf dem Sofa nehmen nacheinander andere Menschen Platz. Taubi und wir schauen uns die an. Ihre Fältchen, ihre Münder, ihre Hände. Immer andere.

Wenn wir genug haben, schauen wir vom Balkon den Vögeln bei der Arbeit zu und essen dazu Salat. Wir betreiben Fellpflege, alle Läuse direkt in Taubis Futterschale. Taubi teilt auch mit den Nachbarn.

Manchmal haben wir das Gefühl, dass wir alles, was kommt, tatsächlich halten können, vielleicht sogar lässig. – Dann erschrecken wir uns kurz, – dann geht die Türklingel, – dann kommen wieder Menschen.

So geht das und so soll das weitergehen.

Versuchen und -sprechen.

May 6th, 2018


Versprich mir, dass du dann dein Glück nicht in meinem suchen wirst.
– Ich verspreche es dir.

Versprich mir, dass du die Kraft finden wirst, nüchtern glücklich zu sein.
– Ich verspreche es dir.

Versprich mir, dass du auch bei mir bleibst wenn es unbequem wird.
– Ich verspreche es dir.

Soll ich auch irgendwas versprechen?
– Bitte bleib wer du bist.
Okay.

Time’s absolutely right, Alter.

May 3rd, 2018


Alle schwarzen Katzen mir nach – nach links!
Alles Geschirr ausm Schrank – lass krachen Schepper’n’Polter!
Alle Marienkäfer auf die Kleeblätter, die vierblättrigen!
Alle Möwen Achtung Achtung – jetz scheißen was das Zeug hält!
Hier is nu Schluss mit amorph, verquollen und bla, es geht ab!

Farbe, Text & Noten.

January 2nd, 2018

Manchmal lassen Sachen ewig lange auf sich warten. Frühling z.B., dauert noch ewig. Umziehen, die nächste Reise, bedingungsloses Grundeinkommen… pfff. Und da hilft auch nix, da hilft nur warten. Zum Glück (!) kommen dann von Zeit zu Zeit Gerichte/Menschen/Bücher, die einem die Wartezeit verkürzen. Manchmal sind die dann sogar so großartig, dass darüber das ganze Warten gänzlich ver… – was? Worum geht’s?

Erntge denkt nie an Rente wenn sie Charlotte Salomon liest/schaut/hört. Es ist unfassbar: eine Schatzkiste auf Erntges Schoß. Deckel auf und schon leuchtet es. Farbe Text und Noten. „Leben oder Theater?“ heißt das, was Salomon, 26 jährig als ihr „ganzes Leben“ in die Hände eines Freundes gab, bevor sie nach Auschwitz __________. Es ist unglaublich, wie sie in weniger als drei Jahren dieses unfassbare Werk schaffen konnte, sie muss es sich in nächtlicher Raserei und beinahe fiebrig abgewrungen haben. Es trägt auf so vielen Ebenen, das Erntge fast die Augen aus dem Kopf fallen.

Das Werk besteht aus drei Teilen, einem Vorspiel, dem Hauptteil und dem Nachwort. In den 450 Bildern (Gouachen) verbinden sich drei Kunstformen: bildende Kunst, Dichtung und Musik: jeder Gouache (Maltechnik, die deckend oder lichtdurchlässig eingesetzt werden kann) sind Texte und Titel von Musikstücken zugefügt. Das ist der Grund, warum das Werk den Untertitel „Ein Singespiel“ trägt. Salomon benutzt die drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau, um ihre Welt während der Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus abzubilden.


Während die Grenzen zwischen Realität und Fiktion in ihrem Werk schaurig verschwimmen, ist Salomons Blick gleichzeitig messerscharf auf einzelne Aspekte ihres Lebens gerichtet. Er ist schneidend, fast physisch. Tatsächlich malte Salomon den Titel so, dass er auch als „Leben oder Teleater“ gelesen werden kann. Ein Teleater war ein Opernglas, das bis in die 20er Jahre produziert wurde. Metaphorisch fokussiert Salomon also als Zuschauerin auf bestimmte Momente ihres eigenen Lebens, das als Theaterstück auf der Bühne stattfindet. Gemäß sind einzelnen Gouachen Regieanweisungen zugeordnet, die Salomon auf Transparentpapier schrieb und mit Klebstreifen über dem jeweiligen Bild befestigte.

Die Bühne scheint unter der komplexen Handlung des Stücks zusammenzubrechen. In einigen Gouachen knackt und knarzt es dermaßen, dass Erntge denkt, die Couch bricht. Ihr ist völlig unklar, wie so ein Leben gehen kann. Die Frage nach Leben und Tod durchzieht das ganze Werk, der Abgrund ist ein tiefer. Noch hat Erntge das Nachwort vor sich, doch schon jetzt ist Charlotte Salomon Erntges Heldin des Jahres, des Jahrzehnts, des nächsten Jahrzehnts.

Charlotte Salomon: Leben oder Theater? Ein Singespiel, 1940-1943, Taschen, 2017

Kick und Abflug.

December 14th, 2017

Seit die Krähe Erntge im Vorbeiflug wuchtig auf den Helm trat ist Vieles anders. Es kommt Erntge vor wie ein klirrendes Theaterstück an Seilen. Auf Seilen. Tanztheater wohl, denn viel schwankt vor und zurück und wieder vor und mal zur Seite. Dennoch tut die Bewegung viel Gutes, vor allem weil: sie ist endlich da. Denn so ein Stillstand kann auch weh tun und – ist immer Schritt zurück.

Erntge ist sich sicher, dass es sich gleich ausgeschaukelt hat. Erntgewegen darf sich dann gern endlich aller Umstand ändern.

Für die Machtkisten aus der Seifenblase gibts im sechsten Akt ein holpriges Kistenrennen. Publikum, Luftballons, Zuckerwatte – und plötzlich haben alle Spaß an den rostigen Kahlauern und den quietschenden Pullerpausen. Die besonders verwackelte Seifenkiste wird unter grölendem Gebell mit Hausschuhen beworfen. Ernst steht unten in der Ecke und schmollt.

Während des Spektakels merkt Erntge, dass sie längst entzaubert ist. Alle Bewegungen des Theaterspiels beherrscht sie zwar. (Nur selten passiert ihr Taumelei auf dem Seil.) Doch Erntge glaubt nicht mehr ans Spiel. Da soll nun Neues her. Gern auch für ne Weile Tetris.

Was es auch sei und wo es auch stattfinden mag: bereit ist Erntge und grüßt alle Krähen freundlich. Übrigens sind die gar nicht so schwarz wie man so denkt, sondern schillern in allen Farben bei Sonnenlicht.

sick und doof.

December 4th, 2017


„Hey Binoche, schön dich zu sehen, ist es nicht geil?“ Zylinderella versprühte eine Leichtigkeit, deren Fröhlichkeit leider schmerzte. Ihre wuchtigen Augen funkelten so wild wie ein Weihnachtsmarkt kurz vor der LKW-Attacke. „Hä, was?“, verstört war Binoche und spürte die Unannehmlichkeit eines drohenden Gesprächs mit der Person, deren Körper ihr Sichtfeld in den letzen fünf Monaten enorm eingeschränkt hatte und weiter zu sprengen drohte. „Na alles, sieh dich um!“ tönte die Schöne und spielte dabei verträumt mit ihren blonden Locken. „Haha,“ Binoche winkte ab. Vom ewigen Kriechen und Suchen hatte sie sich die Brille versaut. Ein riesiger Riss splitterte sich über beide Gläser. „Ja, findest du?“ Binoche hätte gern das peinliche Gekrächz unterdrückt, doch war sie ewige Knechtung, Fessel und Zwang leid, eigentlich war ihr inzwischen scheißegal, was aus ihr rauskam. Alles, was noch kam, war willkommen. Ehrlich. Herzlich!

Binoche war am Arsch. Sie bekam sich nicht mehr recht zusammen und wusste nicht, wo ihre Einzelteile steckten. Noch funktionierte sie. Die Ausbrüche wurden aber häufiger und immer öfter fiel Binoche und manchmal half auch keine schäumende, ohrfeigende Ostsee aus der Bodenlosigkeit. Das Verhängnis hatte sieben Namen, war unergründlich und zutiefst phrasenhaft. Binoche wusste, dass ein einziger Mensch ihre Einzelteile im Weltall zusammensuchte, ein seidener Faden.

„Wie viel wir hier gestalten können! Es ist der Hammer. Ich bin so glücklich.“ Zylinderella hatte was von dieser Frau aus der Schaumawerbung. ‚Die sieht sich selbst beim Wachsen zu, bei mir ist immer nur Verschwinden und Abhandensein’, dachte Binoche noch und klappte den Rechner zu. Sie sagte: „Ich freu mich, dass es dir wieder so gut geht.“ Ein zauberhaftes Lächeln glitt dankend herüber und für einen Moment war Binoche wie gefesselt von der Tiefe des Glücks, was da zu ihr herübersegelte. Ganz ehrlich und unvermischt. Binoche wusste nicht recht: war sie gekränkt oder entzückt? Das Dumpfe sollte endlich aufhören, diese entsetzliche Abwesenheit von allem.

Binoche packte schließlich den Rechner ein, stand auf und beugte sich herüber. Gerade als Zylinderella sich selig über den Bauch strich und dabei verträumt summte, küsste sie Binoche auf den Mund. Einfach so. Das Summen verstummte abrupt. Von nun an, wusste Binoche, hatte sie nichts mehr zu befürchten. Die Schaumafrau würde andere Schaumafrauen treffen, damit hatte Binoche nichts mehr zu tun.

In Bahnen im Kreis.

October 12th, 2017


– Nein, Erntge. Das ist kein Blut. Die Flasche muss defekt gewesen sein, der Boden ist abgesprungen als du oben gedreht hast– das ganze Wasser ist direkt auf dich drauf. Ja, Wasser. Is dunkel, deswegen siehst du’s nicht. Ja. Kalt auch. Nein, nein, keine Scherben, leg dich wieder hin. Komm her zu mir, hier ist noch trocken. Schlaf weiter, Erntge.

– Nein, das ist kein Blut auf deiner Windschutzscheibe. Starkacke ist das. Du bist doch eben direkt durch diesen Megaschwarm gebrettert, weißt nicht mehr? Das war ein Geklapper, Wahnsinn! Die Stare, die sammeln sich doch jetzt im Herbst hier auf den Feldern, die machen sich startklar für den Abgang in den Süden. Ja, Stare. Quatsch, nix gebrochen, mach den Scheibenwischer an, guck!

– Ja, das ist Blut, Erntge. Aber nich deins. Der Typ ist direkt in dich reingebrettert mit seinem Fahrrad, was fürn Idiot. Ja, ja, auf den Bordstein ist der geknallt, aber kiek, er muss in den Blaulichtwagen, nicht du. Komm, ich trag dein Fahrrad nach Hause.

– Ob das Garuda ist, der da mit dir fliegt? Keine Ahnung, sieht bisschen so aus. Kannst du hören, was er sagt?