Ein Zelt zwischen den Welten.

August 11th, 2017


Unser Zelt steht am Fluss, der das Gestern ins Morgen bringt. Wir ruhen uns aus, bereiten uns vor, im Dazwischen. Hier werden wir gesund, braun und der warme Wind bügelt unsere Sorgenfalten weg.

Am Fluss lernen die Kinder alles, was sie brauchen: neugierig sein, loslassen können, sich behaupten, Schätze entdecken, Gleichgewicht halten. Wir verstehen kein Wort. Hier ist alles Osten, wir sind gerührt. Konsum, Dorfstraße, Gartenzäune rosten vor trägen Hunden. Wie wenig hier los ist, ist eigentlich unfassbar. Eier kaufen ist Abenteuer. Das Wetter erinnert uns an Kindheitstage in Hochsitzen. Sorglosigkeit und Lust sind zurück. Ständig lachen alle. Hier gibt es keine Pläne, keine Erwartungen, keine Handys. Kein Luxus, also Luxus.

Der Finger auf der Landkarte brachte uns her. Wie gut, dass das noch geht, so in den Zufall zu vertrauen und dafür beschenkt werden. Hier soll unser Zelt stehen bleiben, auch wenn wir schon lange wieder zuhause sind, im Morgen.

a.

July 19th, 2017


i put my enough of living

in catching the essence

of the knowledge: i’m a.

now i speak to the not simple and not.

Brux.

June 22nd, 2017

Hi. Mein Name ist Brux. Ich bin ein krasser Typ. Ich setz mich nicht, ich dominiere Mobiliar. Ich hinterlass Eindruck. Auf Stühlen, auf Bänken, auf Fußböden.

Was ich mag: alles Enge. Gequetschtes! Ich drücke meine Freunde und Feinde bis wir verschmelzen. Ich drücke nachhaltig. Alle Frauen unter mir sind platt. Mein Fetisch: verdeckte Kleinkinderwasserrutschen, in die man mich hineinstopft. Es geht nicht vor und nicht zurück und das Pressen beginnt, bis die Halsschlagader pulsiert und ich nach Luft schnapp. Geil. Ich liebe alles Zwanghafte und Geschnürte. Was sich nicht bewegt, hab ich unter Kontrolle. Ich benötige nicht, ich nötige. Jaaa! Kanten! Ich liebe Kanten und blaue Flecken und beim Autofahren stecke ich manchmal meinen Kopf links aus dem Fenster und betätige dann den elektrischen Fensterheber bis ich würg.

Was ich hasse: alles Wabernde, Amorphe. Und Gedichte. Mein Albtraum: gefangen in einem Raum voller Esotheriker. Orange-getünchtes Licht und Yoga und dann noch irgendwo so eine peinliche Buddha Statue oder Gandhi Fotografie. Schlaffkoscheiße! Am besten noch hier… mit Räucherstäbchen, Päh. Ich hasse alle Reformschulen, Engel in Gärten und die Spacken in den Wellness Oasen.

Ich habe viele Fans. Ne Menge Leute liken mich auf den angesagten Plattformen. (haha, „Platt”-formen!) Meine Leute heißen Bruxisten. Manche Spackoärzte halten Bruxismus für ne Krankheit oder so, die peinlich therapiert werden soll. Alles Schwachsinn! Bruxisten, das sind die einzigen, denen es noch um was geht im Leben. Die Biss haben, man. In dieser ganzen verschissenen Schwachmatenscheiße.

Because recklessness is the only fist to throw at nothingness.*

May 8th, 2017

Schemen lähmen.
Hälse wagen.
Lahme nehmen.
Erntges klagen.
Nicht.
Warten, warten, ab in Garten
Wär doch Temperatur!
Lesen, lesen, nichts gewesen
Traumhafte Fabulatur.

* Foer, Jonathan Safran, Here I am, Penguin Books, 2017, p.387

„Das verbittere ich mir.”

April 17th, 2017


Jonathan Safran Foer steht neben Erntge, als die beiden Fahnen gehisst werden. Die obere repräsentiert die Insel Poel, die untere das Ostseebad und mit ihnen schwingen sich jetzt die genau zwei Akkorde des Heimatliedes in den aufgeregten Osterhimmel. Der Schnauzbart posaunt Winkel und Fahnenabrieb bei Wind. Erntge versteht nix von Mathe und als sie kurz schwach in sich zusammensackt, packt sie Foer und schüttelt: „Hier! Hingucken! Mitmachen! Das ist der Stoff, aus dem meine Bücher sind. See the parallels to stetl? Hier kannste live dabei sein, Erntge. Nich immer nur geschützt liegen, ausgeliefert steh doch mal!”

Erntge versucht. Echt. Kampfberechtigt. Siegerteam. Der Ostseewind pustet erst das Heil Ei auf 10,45m und dann alle Gäste in den Kronensaal. Hier steht die Luft. Und es glitzert von der Wand. Das Gift in den Geschichten der Gastgeber absorbiert Erntge so gut sie kann filtert und filtert und stinkt schließlich, dass sich alle Nasen rümpfen. „Jonathan, I don’t get it… what’s just happening here?“ Doch Foer steht gar nicht zur Verfügung! Skizziert mit weit aufgerissenen Augen die Tafel. Er steckt fest: er betrachtet fasziniert das Mädchen im Hochzeitskleid, das jetzt von der Gesellschaft mit Kakerlaken beworfen wird. Ihr Lächeln ist Metall. Die Biegung steht fest. Der angehende Bräutigam lächelt dünn und schiebt eine Ausreißer-Kakerlake wieder Richtung Mädchen.

„It’s a play isn’t it? I mean, it’s not real, is it?“ Erntge sieht in die vertrauten Gesichter. Das Offenste ist zu und schweigt schön. Das Klügste zeigt Erntge die Falte, in die ganz klein alle Spielregeln gekritzelt sind und zwinkert vergnügt. Das Vernünftigste trinkt so schnell, dass es schon leuchtet. Endlich kommt Foer und lächelt heiter. „Of course it is. Like everything is. You know that. So what’s the big deal?“ Ähm, also mitspielen? Passiv abnicken. Dass niemand stinkende Leute mit Knitterstirn mag, das weiß sogar Erntge. Wer macht das Fenster auf?

Brüll-Gorilla.

March 14th, 2017


Wenn es einen Grund gibt, warum Erntge dem dumpfen Brüll-Gorilla endlich wuchtig gegen das Schienbein tritt, dann diesen: Erntge hat das überbordende Privileg, stets von einer Handvoll achtsamen und wohlwollenden Menschen umgeben zu sein, die sich für Erntge das Beste erhoffen und sie stärken wo es geht. Danke! Soll er sich krümmen und möge es Gehirnzellen über ihn regnen. Affe.

Klar sehen.

January 17th, 2017


Where do we live? – Earth, earth.
How did we get here? – Birth, birth.
Why do we stay? – For what is worth.
What is worth? – Time, time, yours and mine.
When do we start? – Now, now, how about now?
Ok. How?*

Familiär ist dieses ewige Kreisen worum es geht. Gehen kann. Gehen soll. Muss! Das fühlt sich immer öfter eckig an, eirig gar. (Und da merkt man schon am Wort, dass das manchmal schief geht.) Die Klojahre sind lang verjährt. Auf Klo folgt Entkeimung, Sterilisation und Enthärtung. Alles zielt auf Reinigung ab. Zwischen Yogaseilen und Cassia Fistula hofft Erntge auf etwas Klares. Etwas Einfaches: eindeutig, gelöst, hell, natürlich und bestimmt. Erntge weiß, dass dafür wichtig ist, wie man sieht.

*Von Brandon Miller. Auf Sarsaparilla: Everyone seems so familiar.

Legen Sie den Porree nieder!

December 6th, 2016

bd2
Fabcaro ist ein Comic-Autor, der aktuell mit allen Preisen überschüttet wird, die die französische Szene bietet. Er ist aber auch großartig! Sein Road Movie Zaï Zaï Zaï Zaï hat Erntge tief beeindruckt, denn er sprüht vor Witz und angeschrägter Sozialkritik.

Die Story ist schön: der Typ im Supermarkt hat seine Treuekarte nicht dabei. Oh man. Vergessen in der anderen Hose, die dreckig war. Wie geht das! Schon drohgebärdet der Security-Heinz, gefährlich!, – ein Porree wird erhoben, – der Typ flieht und zurück bleibt die schwachmate Kassererin mit psychologischen Beistand im Blaulichtschein. Die Jagd beginnt.

Dann geht alles drunter und der drüber: der Porree zerfällt in der Kriminaltechnik, die Todesstrafe entert das lockere Bargeschwätz, die Politikmenschen übertrumpfen sich im Schaumschlagen von Seife, das Reportervolk perfektioniert den Umgang mit Menschenmarionetten. Glückliche Menschen fiebern fehlenden 37 Treuepunkten zum Raclette-Set entgegen und fühlen dabei: Liebe!

Besonders gefällt Erntge das wohl dosierte und so messerscharfe Vorbeischlittern an Moral, Ethik und politischer Korrektheit. Kein Sozialmilieu, das verschont bleibt. Wahnsinn.

Mehr (Französisch) lesen.
(Fabcaro, Zaï Zaï Zaï Zaï, 6 pieds sous terre éditions, 2016)

Es sprüht Funken.

November 10th, 2016

thats-her
Es gibt Skorpiontum vor, jedoch. Ist es kein Stachel; ihm wachsen Harpunen aus dem Arsch. Kampfbereit aufgereiht, angespitzt, mindestens zwei Kinderhände braucht es zum Zählen. Auch von vorn: perfekter Panzer. Es hat irgendwas von Militär. Was Überwachendes scheppert. Unhackbar, weil analog. Ist das beim BND bekannt? BfV? Aus seinen Augen schaut es bergab, so hoch ist das Podest, auf dem es thront. Die Luft dort oben scheint dünn, denn es röchelt häufig. Vor allem kurz vorm Fauchen. Seine unschlagbare Geheimwaffe? Das glaubt kein Mensch, wie wenig es braucht. Wie gewieft, weil überraschend: Es betritt die, die am Boden liegen. Spuckt Feuer um die Ohren derer, die zaudern, hadern, zadern. Sich sehnen und dann vom Fleisch fallen. Es sprüht Funken! Sternenhagel, Funkenschlag, aus seinen Augen blitzt es rücksichtslos und mit Tonnengewicht. Immer dasselbe: es vibriert hochgespannt. In diesem Moment könnten es phantasievolle Menschen gar für einen Vogel halten. Der platzt. Nie. Und danach: bewegt sich keine mehr. Totale Paralyse. Altersheim in Zeitlupe.

Und all das ist, ehrlich gesagt, das Allerletzte. Und wieso ist das so. Und wieso geht das. Und wieso verdammt noch mal fällt Erntge nichts dazu ein!

Löderups strandbad, Ystad kommun, Sverige

October 29th, 2016

nils

– Nils, ich fass es nich!
– Was los, Schatz.
– Also ich les hier dieses Buch über diesen furchtbar altbackenen Uniprofessor, der an sich ist ja schon unerträglich in seiner Rückwärtsgewandtheit.
– Wieso?
– Ach, der ruht sich aus auf irgendeiner Doktorarbeit, die er mal geschrieben hat zu Huysmans und kriegt in seiner Egozentrik keine Beziehung gebacken. Außerdem nervt seine übelst sexistische Überheblichkeit.
– Ach Marie, du olle Feministin.
– Wirklich! Der hält sich für den großen Stecher, dabei ist alles Körperliche gekauft.
– Gibt eben arme Würste, Marie.
– Naja, jedenfalls wird Frankreich in diesem Buch komplett umgekrempelt, weil die Fraternité musulmane politisch so erstarkt ist, dass alle alt aussehen bis auf den Front National.
– Ogottogott, wie gruselig.
– Also 2022 spielt das.
– Ok.
– Na jedenfalls: alles islamisch dann: Scharia, Patriarchat, Polygamie. Die Juden wandern aus nach Israel und die Sorbonne wird die erste und größte und schönste islamische Uni in Europa.
– Waaas? Was ist denn das für ein Buch?
– Das ist von diesem Houellebecq, Michel Houellebecq.
– Ah.
– Na jedenfalls, jetzt am Ende des Buchs, hat sich dieser nutzlose Held überlegt, dass sein Leben eh total langweilig und sinnfrei wird, also lässt er sich kaufen und konvertiert zum Islam.
– Na bitte.
– Na was? Hallo!! Nils, der verrät sämtliche Errungenschaften des Westens.
– Wie…
– Demokratie, Laizität, alles. Und das Schärfste kommt ja noch: er macht das vor allem, damit ihm die islamischen Brüder dann Mädels besorgen, die sich ihm in allen Belangen komplett und gern unterwerfen.
– Oha.
– Nils, das ist doch widerlich. Das ist so wenig, verstehst! Mitmachen aus Langeweile und weil man sonst nix zum vögeln kriegt? Ehrlich, das macht mich ganz wütend. Ich will sofort, dass eine Michelle Houellebecq die gleiche Geschichte aus ihrer Sicht schreibt. Los!
– Marie Marie Marie… wer will kricht auffe Brill, weißte doch.

(Michel Houellebecq, Soumission, Flammarion, 2015)