Abschlussrede, feierlich.

June 9th, 2018


Und jetzt macht dass ihr weg kommt. Haut endlich ab. Schmeißt eure Salamis an Muttis Fotowände, reihert ihren Teppich voll, zündet den von mir aus an. Mir egal jetzt mit den Hausschuhen. Ich hab hier lange genug Kontrolletti gespielt, eure dumpfe Überheblichkeit kotzt mich nur noch an. Ich möchte nicht mehr für euren Stumpfsinn geradestehen. Für eure Weigerung, weit oder überhaupt zu denken. Macht das selber, ihr seid alt genug.

Und das ist leider auch kein Punk, was ihr da macht, das ist… keine Ahnung, mir fällt dazu nichts ein. Außer vielleicht feige, formlos, muffig, lahm. Mein Problem ist, dass ihr euch für die Größten haltet und euch so irre ausruht im Schutz der Wand, die ihr als Gemeinschaft bildet und die alles abhält was hinterfragt, kritisiert oder hinweist. Einzeln seid ihr leider so arme Würstchen, ganz verunsichert, ängstlich und unselbständig.

Und dass man euch nicht böse sein darf, das ist fast das Schlimmste: „Die armen, armen Opferlein, was sie alles durchmachen müssen: Pubertieren, sich selbst finden, eine eigene Meinung ausbilden, – und immer unter diesem Druck der sozialen Netzwerke, komm gib ihnen noch eine Chance.” Na klar.

Und noch eine. Und noch eine. Und wieder eine, es wird fast lächerlich. Sechs Jahre lang habe ich versucht euch zu verstehen, anzuregen und zu schützen. Hab euch (hochgradig unprofessionell, ich weiß) mit nach Hause genommen, zahllose Nächte verpasst. Verziehen hab ich euch und ertragen. Und dafür seid ihr mir nichts schuldig, das war meine Entscheidung. Dass ich mir einbildete, mein Handeln könnte etwas bewegen, ist mein Problem, nicht eures. Nur dass es jetzt zum Schluss noch mal so einen Arschtritt von euch gibt, das tut mir weh. Deshalb geb ich euch jetzt auf. Tschüß.

Mich habt ihr genug provoziert, herausgefordert und beschämt. Ich scheiß auf eure scheiß Afd-Plakate, ich scheiß auf eure scheiß Strafanzeigen, ich scheiß auf eure scheiß Beleidigungen. Mein einzig positiver Gedanke an eure Zukunft ist, dass sie hoffentlich nichts mit mir zu tun haben wird. Ich trau euch nichts zu. Ihr habt mich maßlos enttäuscht, haut ab.

Zen im Taubenschlag.

May 21st, 2018


Das Sofa steht jetzt woanders. Hier gibt es keine Türen. Vorm großen Fenster plustert sich diese Friedenstaube in die Dachrinne und schaut uns zu.

Auf dem Sofa nehmen nacheinander andere Menschen Platz. Taubi und wir schauen uns die an. Ihre Fältchen, ihre Münder, ihre Hände. Immer andere.

Wenn wir genug haben, schauen wir vom Balkon den Vögeln bei der Arbeit zu und essen dazu Salat. Wir betreiben Fellpflege, alle Läuse direkt in Taubis Futterschale. Taubi teilt auch mit den Nachbarn.

Manchmal haben wir das Gefühl, dass wir alles, was kommt, tatsächlich halten können, vielleicht sogar lässig. – Dann erschrecken wir uns kurz, – dann geht die Türklingel, – dann kommen wieder Menschen.

So geht das und so soll das weitergehen.

Versuchen und -sprechen.

May 6th, 2018


Versprich mir, dass du dann dein Glück nicht in meinem suchen wirst.
– Ich verspreche es dir.

Versprich mir, dass du die Kraft finden wirst, nüchtern glücklich zu sein.
– Ich verspreche es dir.

Versprich mir, dass du auch bei mir bleibst wenn es unbequem wird.
– Ich verspreche es dir.

Soll ich auch irgendwas versprechen?
– Bitte bleib wer du bist.
Okay.

Time’s absolutely right, Alter.

May 3rd, 2018


Alle schwarzen Katzen mir nach – nach links!
Alles Geschirr ausm Schrank – lass krachen Schepper’n’Polter!
Alle Marienkäfer auf die Kleeblätter, die vierblättrigen!
Alle Möwen Achtung Achtung – jetz scheißen was das Zeug hält!
Hier is nu Schluss mit amorph, verquollen und bla, es geht ab!

Farbe, Text & Noten.

January 2nd, 2018

Manchmal lassen Sachen ewig lange auf sich warten. Frühling z.B., dauert noch ewig. Umziehen, die nächste Reise, bedingungsloses Grundeinkommen… pfff. Und da hilft auch nix, da hilft nur warten. Zum Glück (!) kommen dann von Zeit zu Zeit Gerichte/Menschen/Bücher, die einem die Wartezeit verkürzen. Manchmal sind die dann sogar so großartig, dass darüber das ganze Warten gänzlich ver… – was? Worum geht’s?

Erntge denkt nie an Rente wenn sie Charlotte Salomon liest/schaut/hört. Es ist unfassbar: eine Schatzkiste auf Erntges Schoß. Deckel auf und schon leuchtet es. Farbe Text und Noten. „Leben oder Theater?“ heißt das, was Salomon, 26 jährig als ihr „ganzes Leben“ in die Hände eines Freundes gab, bevor sie nach Auschwitz __________. Es ist unglaublich, wie sie in weniger als drei Jahren dieses unfassbare Werk schaffen konnte, sie muss es sich in nächtlicher Raserei und beinahe fiebrig abgewrungen haben. Es trägt auf so vielen Ebenen, das Erntge fast die Augen aus dem Kopf fallen.

Das Werk besteht aus drei Teilen, einem Vorspiel, dem Hauptteil und dem Nachwort. In den 450 Bildern (Gouachen) verbinden sich drei Kunstformen: bildende Kunst, Dichtung und Musik: jeder Gouache (Maltechnik, die deckend oder lichtdurchlässig eingesetzt werden kann) sind Texte und Titel von Musikstücken zugefügt. Das ist der Grund, warum das Werk den Untertitel „Ein Singespiel“ trägt. Salomon benutzt die drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau, um ihre Welt während der Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus abzubilden.


Während die Grenzen zwischen Realität und Fiktion in ihrem Werk schaurig verschwimmen, ist Salomons Blick gleichzeitig messerscharf auf einzelne Aspekte ihres Lebens gerichtet. Er ist schneidend, fast physisch. Tatsächlich malte Salomon den Titel so, dass er auch als „Leben oder Teleater“ gelesen werden kann. Ein Teleater war ein Opernglas, das bis in die 20er Jahre produziert wurde. Metaphorisch fokussiert Salomon also als Zuschauerin auf bestimmte Momente ihres eigenen Lebens, das als Theaterstück auf der Bühne stattfindet. Gemäß sind einzelnen Gouachen Regieanweisungen zugeordnet, die Salomon auf Transparentpapier schrieb und mit Klebstreifen über dem jeweiligen Bild befestigte.

Die Bühne scheint unter der komplexen Handlung des Stücks zusammenzubrechen. In einigen Gouachen knackt und knarzt es dermaßen, dass Erntge denkt, die Couch bricht. Ihr ist völlig unklar, wie so ein Leben gehen kann. Die Frage nach Leben und Tod durchzieht das ganze Werk, der Abgrund ist ein tiefer. Noch hat Erntge das Nachwort vor sich, doch schon jetzt ist Charlotte Salomon Erntges Heldin des Jahres, des Jahrzehnts, des nächsten Jahrzehnts.

Charlotte Salomon: Leben oder Theater? Ein Singespiel, 1940-1943, Taschen, 2017

Kick und Abflug.

December 14th, 2017

Seit die Krähe Erntge im Vorbeiflug wuchtig auf den Helm trat ist Vieles anders. Es kommt Erntge vor wie ein klirrendes Theaterstück an Seilen. Auf Seilen. Tanztheater wohl, denn viel schwankt vor und zurück und wieder vor und mal zur Seite. Dennoch tut die Bewegung viel Gutes, vor allem weil: sie ist endlich da. Denn so ein Stillstand kann auch weh tun und – ist immer Schritt zurück.

Erntge ist sich sicher, dass es sich gleich ausgeschaukelt hat. Erntgewegen darf sich dann gern endlich aller Umstand ändern.

Für die Machtkisten aus der Seifenblase gibts im sechsten Akt ein holpriges Kistenrennen. Publikum, Luftballons, Zuckerwatte – und plötzlich haben alle Spaß an den rostigen Kahlauern und den quietschenden Pullerpausen. Die besonders verwackelte Seifenkiste wird unter grölendem Gebell mit Hausschuhen beworfen. Ernst steht unten in der Ecke und schmollt.

Während des Spektakels merkt Erntge, dass sie längst entzaubert ist. Alle Bewegungen des Theaterspiels beherrscht sie zwar. (Nur selten passiert ihr Taumelei auf dem Seil.) Doch Erntge glaubt nicht mehr ans Spiel. Da soll nun Neues her. Gern auch für ne Weile Tetris.

Was es auch sei und wo es auch stattfinden mag: bereit ist Erntge und grüßt alle Krähen freundlich. Übrigens sind die gar nicht so schwarz wie man so denkt, sondern schillern in allen Farben bei Sonnenlicht.

sick und doof.

December 4th, 2017


„Hey Binoche, schön dich zu sehen, ist es nicht geil?“ Zylinderella versprühte eine Leichtigkeit, deren Fröhlichkeit leider schmerzte. Ihre wuchtigen Augen funkelten so wild wie ein Weihnachtsmarkt kurz vor der LKW-Attacke. „Hä, was?“, verstört war Binoche und spürte die Unannehmlichkeit eines drohenden Gesprächs mit der Person, deren Körper ihr Sichtfeld in den letzen fünf Monaten enorm eingeschränkt hatte und weiter zu sprengen drohte. „Na alles, sieh dich um!“ tönte die Schöne und spielte dabei verträumt mit ihren blonden Locken. „Haha,“ Binoche winkte ab. Vom ewigen Kriechen und Suchen hatte sie sich die Brille versaut. Ein riesiger Riss splitterte sich über beide Gläser. „Ja, findest du?“ Binoche hätte gern das peinliche Gekrächz unterdrückt, doch war sie ewige Knechtung, Fessel und Zwang leid, eigentlich war ihr inzwischen scheißegal, was aus ihr rauskam. Alles, was noch kam, war willkommen. Ehrlich. Herzlich!

Binoche war am Arsch. Sie bekam sich nicht mehr recht zusammen und wusste nicht, wo ihre Einzelteile steckten. Noch funktionierte sie. Die Ausbrüche wurden aber häufiger und immer öfter fiel Binoche und manchmal half auch keine schäumende, ohrfeigende Ostsee aus der Bodenlosigkeit. Das Verhängnis hatte sieben Namen, war unergründlich und zutiefst phrasenhaft. Binoche wusste, dass ein einziger Mensch ihre Einzelteile im Weltall zusammensuchte, ein seidener Faden.

„Wie viel wir hier gestalten können! Es ist der Hammer. Ich bin so glücklich.“ Zylinderella hatte was von dieser Frau aus der Schaumawerbung. ‚Die sieht sich selbst beim Wachsen zu, bei mir ist immer nur Verschwinden und Abhandensein’, dachte Binoche noch und klappte den Rechner zu. Sie sagte: „Ich freu mich, dass es dir wieder so gut geht.“ Ein zauberhaftes Lächeln glitt dankend herüber und für einen Moment war Binoche wie gefesselt von der Tiefe des Glücks, was da zu ihr herübersegelte. Ganz ehrlich und unvermischt. Binoche wusste nicht recht: war sie gekränkt oder entzückt? Das Dumpfe sollte endlich aufhören, diese entsetzliche Abwesenheit von allem.

Binoche packte schließlich den Rechner ein, stand auf und beugte sich herüber. Gerade als Zylinderella sich selig über den Bauch strich und dabei verträumt summte, küsste sie Binoche auf den Mund. Einfach so. Das Summen verstummte abrupt. Von nun an, wusste Binoche, hatte sie nichts mehr zu befürchten. Die Schaumafrau würde andere Schaumafrauen treffen, damit hatte Binoche nichts mehr zu tun.

In Bahnen im Kreis.

October 12th, 2017


– Nein, Erntge. Das ist kein Blut. Die Flasche muss defekt gewesen sein, der Boden ist abgesprungen als du oben gedreht hast– das ganze Wasser ist direkt auf dich drauf. Ja, Wasser. Is dunkel, deswegen siehst du’s nicht. Ja. Kalt auch. Nein, nein, keine Scherben, leg dich wieder hin. Komm her zu mir, hier ist noch trocken. Schlaf weiter, Erntge.

– Nein, das ist kein Blut auf deiner Windschutzscheibe. Starkacke ist das. Du bist doch eben direkt durch diesen Megaschwarm gebrettert, weißt nicht mehr? Das war ein Geklapper, Wahnsinn! Die Stare, die sammeln sich doch jetzt im Herbst hier auf den Feldern, die machen sich startklar für den Abgang in den Süden. Ja, Stare. Quatsch, nix gebrochen, mach den Scheibenwischer an, guck!

– Ja, das ist Blut, Erntge. Aber nich deins. Der Typ ist direkt in dich reingebrettert mit seinem Fahrrad, was fürn Idiot. Ja, ja, auf den Bordstein ist der geknallt, aber kiek, er muss in den Blaulichtwagen, nicht du. Komm, ich trag dein Fahrrad nach Hause.

– Ob das Garuda ist, der da mit dir fliegt? Keine Ahnung, sieht bisschen so aus. Kannst du hören, was er sagt?

Chimäre. Verzückung. Fall. – Und jetzt?

September 8th, 2017


Das Morgen hatte sich Erntge anders vorgestellt. Fröhlicher, trubliger, immer so mit latentem Schmetterlingsgeklapper im Bauch – und alles neu. Ein bisschen Angst, klar, aber man kennt sich ja inzwischen und grüßt freundlich. Ob Erntge das noch mal hinkriegt mit den Erwartungen?

Es kam also alles anders. Unten aufschlagen bedeutet nicht gleich Erdung. Manchmal ist es das Gegenteil davon und das Aufrichten langwierig. Zeit ist gut und Freunde sind gut. Verkriechen ist gut und irgendwann doof. Also: kurz schütteln, Krone wieder auf und weiter.

Was sich Erntge noch fragt: wer gewinnt das nächste Match. Die schöne Illusion oder das schnöde Trugbild? Feine Träumerei oder fiese Täuschung? Zauberland oder Irrtum? Erntge muss sich träumen trauen.

Ein Zelt zwischen den Welten.

August 11th, 2017


Unser Zelt steht am Fluss, der das Gestern ins Morgen bringt. Wir ruhen uns aus, bereiten uns vor, im Dazwischen. Hier werden wir gesund, braun und der warme Wind bügelt unsere Sorgenfalten weg.

Am Fluss lernen die Kinder alles, was sie brauchen: neugierig sein, loslassen können, sich behaupten, Schätze entdecken, Gleichgewicht halten. Wir verstehen kein Wort. Hier ist alles Osten, wir sind gerührt. Konsum, Dorfstraße, Gartenzäune rosten vor trägen Hunden. Wie wenig hier los ist, ist eigentlich unfassbar. Eier kaufen ist Abenteuer. Das Wetter erinnert uns an Kindheitstage in Hochsitzen. Sorglosigkeit und Lust sind zurück. Ständig lachen alle. Hier gibt es keine Pläne, keine Erwartungen, keine Handys. Kein Luxus, also Luxus.

Der Finger auf der Landkarte brachte uns her. Wie gut, dass das noch geht, so in den Zufall zu vertrauen und dafür beschenkt werden. Hier soll unser Zelt stehen bleiben, auch wenn wir schon lange wieder zuhause sind, im Morgen.